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27.02.2020 15:57 Age: 35 Tage
Category: Geographie
By: Seckemann

Stadtklimatologie verbindet Urbanisierung und Klimawandel

Vorstellung der neuen Professur und des Inhabers, Prof. Dr. Benjamin Bechtel


Prof. Dr. Benjamin Bechtel setzt sich am Geographischen Institut für Internationalisierung und Digitalisierung ein.

Schon fast ein Jahr ist er bei uns: Prof. Dr. Benjamin Bechtel, Inhaber der 2019 neu geschaffenen Professur für Stadtklimatologie. Höchste Zeit also, dass wir ihm ein paar Fragen zu seinen ersten Erfahrungen und Plänen für das Geographische Institut stellen.

Wo kommen Sie her?

Ich bin in Heidelberg geboren und zur Schule gegangen und habe den größten Teil meines akademischen Lebens in Hamburg verbracht. Dort habe ich zunächst Physik und später Geographie mit den Nebenfächern Informatik und Stadtplanung studiert. Im Jahr 2012 habe ich im Exzellenzcluster “Climate System Analysis and Prediction” (CliSAP) zum Thema “Remote sensing of urban canopy parameters for enhanced modelling and climate related classification of urban structures” promoviert. Der Kern meines Forschungsinteresses lässt sich seitdem wie folgt beschreiben: Wie kann man Satellitenfernerkundung nutzen, um mehr über das spezifische Klima von Städten herauszufinden? Meine Arbeit ist also an der Schnittstelle von Stadtklimatologie und urbaner Fernerkundung angesiedelt. Meine Habilitation habe ich dann 2018 zum Thema “Advancements in urban- and topoclimatic observations and modelling – Remote Sensing, Crowd-Sourcing and Data Fusion” abgeschlossen. Während meines Studiums und als junger Wissenschaftler habe ich längere Auslandsaufenthalte in England, Südafrika und Irland absolviert. Zudem bin ich in verschiedenen internationalen Gremien und Kooperationen aktiv, so z.B. im Vorstand der „International Association for Urban Climate“ und in der „World Urban Database and Access Portal Tools“ Initiative. Neben der Wissenschaft bin ich ein politisch denkender Mensch, überzeugter Europäer, glücklich verheiratet und stolzer Vater von zwei Söhnen.

Was machen Sie hier bei uns am GI?

Die am GI neu geschaffene Professur für Stadtklimatologie knüpft an die frühere Tradition der RUB in dem Bereich an und füllt gleichzeitig eine wichtige Lücke, die durch die Schließung des renommierten Arbeitsbereichs von Wilhelm Kuttler an der Uni Duisburg-Essen entstanden ist. Stadtklima verbindet zwei Megatrends des 21sten Jahrhunderts: Urbanisierung und Klimawandel. Städte sind dabei gleichzeitig in besonderem Maße vom Klimawandel betroffen wie dafür verantwortlich. Folglich spielen sie sowohl eine herausragende Rolle bei die Klimaanpassung und sind der Schlüssel zum wirksamen Klimaschutz – die Zukunft der Menschheit wird in Städten entschieden!

Das Ruhrgebiet ist als größter deutscher Ballungsraum ein besonders interessantes Forschungs- und Experimentierfeld für die Stadt der Zukunft unter veränderten Klimabedingungen. Die polyzentrische Raumstruktur und dezentrale Organisation sind dabei eine Herausforderung, lassen aber auch einen Wettbewerb der Ideen und Konzepte zu. Daneben richten wir unseren Blick – besonders aus dem All – auch auf Städte weltweit, z.B. durch Fernerkundung ihrer klimarelevanten Formen und Funktionen sowie der Überwärmung Ihrer Oberflächen.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Gruppe sind neue Methoden und große nutzergenerierte Datensätze, die durch die fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche zunehmend zur Verfügung stehen. Dazu gehören autonome Sensordaten aus dem Internet of Things und von Smartphones, aber auch Bewertungen und Kommentare in sozialen Medien. Die große Herausforderung ist es hierbei, aus vielen Daten unbekannter und fraglicher Qualität relevante Informationen zu generieren, die zur belastbaren Klimabewertung herangezogen werden können.

In der Lehre vertrete ich die gesamte Klimatologie. Daneben zählen insbesondere akademische Selbstverwaltung, Teamführung und Management zu meinen neuen Aufgaben. Auch wenn die Verwaltung mitunter zeitintensiv und langsam ist, erfordert die Finanzierung durch Steuergelder ein hohes Maß an Sorgfalt und Wirtschaftlichkeit. Im Rahmen der akademischen Selbstverwaltung habe ich die Möglichkeit an der künftigen Ausrichtung des Instituts mitzuwirken.


Wo wollen Sie mit dem Geographischen Institut hin?

Das Institut hat sich bereits auf den Weg gemacht, ein international sichtbares Forschungszentrum für die Transformation urbaner Räume zu werden. Dabei können wir auf langjährige Traditionen und Stärken aufbauen, durch eine stärkere Schwerpunktbildung in diesem zukunftsträchtige Bereich neue Stärken entwickeln und gleichzeitig gesamtgesellschaftliche Trends und Fragestellungen aufgreifen und begleiten.

Ich fange in einer spannenden Umbruchphase an, quasi als Anfang eines anstehenden Generationenwechsels. Dies eröffnet großen Gestaltungsspielraum für die nächsten 20 Jahre und ich freue mich sehr, sowohl mit den erfahrenen Kolleg:innen zusammen arbeiten als auch einen Beitrag zur Sicherung und Weiterentwicklung des Geographischen Instituts leisten zu können. Dabei muss uns der Spagat zwischen guter Ausbildung in der Breite, regionaler Einbettung und Anschluss an die internationale Spitze gelingen.

Zwei Entwicklungen, zu denen ich besonders beitragen möchte, sind Digitalisierung und Internationalisierung. Während wir alle heutzutage vornehmlich digital kommunizieren und arbeiten, haben wir am Institut gerade in Lehre, Prüfung und Verwaltung noch sehr viele papierbezogene Prozesse: Klausuren, Einstellungsanträge und Rechnungen erfordern jeweils noch einen großen Stapel Papier – hier müssen wir besser werden. Auch die Lehre soll digitaler werden, nicht nur in der Vermittlung, sondern auch als Inhalt. Während die Methodenausbildung in der physischen Geographie in Feld- und Labormethoden hervorragend ist, wollen wir die Bereiche numerische Modellierung und Programmierung merklich ausbauen.

In der Internationalisierung haben die deutschen Hochschulen im Allgemeinen und die RUB im Besonderen großen Nachholbedarf. Für mehr internationale Sichtbarkeit brauchen wir mehr deutlich mehr internationale Publikationen, Lehrveranstaltungen auf Englisch und mehr Wissenschafler:innen aus anderen Ländern. Ebenso müssen wir für ausländische Studierende deutlich attraktiver werden. Dazu bietet der Master „Transformation of urban landscapes“ hervorragende Voraussetzungen und ich möchte mich intensiv an seiner Weiterentwicklung beteiligen. Mein Ziel ist es, dass sich künftig unsere besten Studierenden für diesen Studiengang bewerben, und auch viele andere ein Auslandsemester anstreben. Ich bin sicher, dass das das gelingen kann – denn wer ist in der Welt zu Hause, wenn nicht Geograph:innen.